JOANSUTHERLAND Türen aller bedeutenden Opernhäuser der Welt weit offenstehen) von der Firma Decca als einer ihrer kostbarsten Stars umhegt, gepflegt und durch die Herausgabe eines Zwei-LangspielplattenAlbums ,,The Art of the Primadonna" (über das wir im Rezensionstcil berichten) geehrt. Sie hat sich also Zeit gelassen mit ihrer Karriere. Sich und ihrer Stimme. Das ist beiden glänzend bekommen. So ist ihre Karrien.bemerkenswert frei von allen Ubcrraschungscoups geblieben. Überraschend daran sind eigentlich nur die Umsicht und die Zielstrebigkeit, mit denen sie sich das Fundament ihrer heutigen Virtuosität erarbeitet hat, ihr gänzlich unhektisches Suchen nach dem ihrer Stimme am besten liegenden Fach. Sie gibt allerdings zu, von Anfang an eine ungewöhnlich gut plazierte Stimme besessen zu haben, die sie offenbar von ihrer Mutter geerbt haben muß, einer Mezzosopranistin, die sie hoch zu rühmen weiß. Zunächst hatte sie geglaubt, eine ausgesprochene Wagner-Sängerin zu werden. Angefangen zu singen hatte sie zu Hause, in Sidney, indem sie die Bcl-canto-Übungen ihrer Mutter nachzusingen versuchte. Dann kam sie in die Hände einer Privatlehrerin, die SILals dramatische Sopranistin ausbildete. Mit Aidas ,,Ritorna vincitor" ersang sie sich einen australischen Wettbewerbs-Preis, mit Elisabeths ,,Dich, teure Halle" einen zweiten, der ihr ermöglichte, nach England zu gehen, um dort weitcrzustudieren. Sie blieb ein Jahr am Londoner Royal College of Music, sang dann in Covent Garden vor und wurde schon zum Herbst 1952 an das berühmte Opernhaus engagiert. Sie debütierte als Erste Dame in der ,,Zauberflöte", sang bald darauf eine winzige Rolle an der Seite der Callas in ,,Nornia", durfte testweise Amelia und Aida singen und war dann als Agathe in einer nicht sehr glücklichen Neuinszenierung des ,,Freischütz" zu hören, Heute sieht es so aus, als ob danach dann alles von allein kam -- trotzdem waren es noch nahezu fünf Jahre bis zu dem historischen Datum ihrer Lucia-Premiere. Inzwischen war sie sich darüber klar geworden, daß ihr Sopran dramatischen Rollen doch nur sehr bedingt gewachsen sei. Inzwischen hatte sie auch geheiratet, Richard Bonyagc, einen australischen Landsmann und Pianisten, der ein ausgepichter Kenner der musikalischen Aufführungspraktiken großer italienischer Opern und ein Spezialist für historische Verzierungstechniken war. Seine Idee war es, die Spitzentönc, die sie manchmal aus lauter Jux mit perfekter Mühelosigkeit sang, zu entwickeln und sie so allmählich in das Fach einer dramatischen Koloratursängerin hinüberzugcleitcn. Er begann mit ihr die großen italienischen Opernpartien zu studieren, die dann ihren eigentlichen Ruhm begründen sollten: Lucia, Elvira (,,I Puritani"), Amina (,,La Sonnambuta"), Norma. Covent Garden unterstützte diese stimmliche Umorientierung und ließ sie Olympia, Desdcmona und Gilda singen. Diese Liste ihres Repertoires ist natürlich nicht komplett (es fehlen beispielsweise die ,,Figaro"-Gräfin, Konstanze, Donna Anna und Violetta), aber was man von ihr ablesen kann, ist doch wohl die ganz planmäßige Eroberung des dieser Stimme genau gemäßen Rollenterrains. Wichtig scheint mir auch dies: daß sie sich zunächst eine grundsolide Mittellage erarbeitet hat, bevor sie an die Ausbildung ihrer Höhe und die Entwicklung einer allen Finessen der großen italienischen Oper des 19. Jahrhunderts gewachsenen Koloraturtechnik ging. So erscheint ihre Stimme heute gleichmäßiger durchgebildet als bei vielen ihrer Kolleginnen -- sie besteht nicht nur aus ein paar sensationellen Spitzentönen über dem Abgrund des Nichts, sondern bewahrt durch die ganze Skala ihres Umfangs ihren individuellen Charakter. Man bewundert ihre Qualität, nicht minder aber auch die Intelligenz und die Technik, die ihre Führung bestimmen. Dank dem fabelhaften Sitz ihrer Stimme und ihrer ungewöhnlich beherrschten Technik kann sie sich heute Bravourstücke erlauben, die ihr so leicht niemand nachsingt: rasante Staccato-Koloraturen, unendlich lange Triller, schwierige Decresccndi, große Intervallsprünge und was dergleichen Dinge mehr sind, die die Herzen der Opernfans höher schlagen lassen. Für ihre Bühnenrollcn braucht sie allerdings unbedingt einen guten Regisseur. Man merkt ihren SchallpUttenarien ganz genau an, welche sie bereits auf der Bühne gesungen hat und welche sie sich bisher allein musikalisch erarbeitet hat. Eine Sängerin mit dem unfehlbaren dramatischen Instinkt einer Callas ist La Sutherland nicht. Das Gefühl für die dramatische Koloneruni; eines Wortes, für die Aufladung einer Phrase mit dramatischem Pathos geht ihr bislang noch ab. Da sie indessen ständig an sich arbeitet, wird sie sich in Zukunft zweifellos auch auf diesem Gebiet noch vervollkommnen. Es wird der letzte Schritt zu einer Meisterschaft sein, die dann -- auf ihrem Gebiet -- keine Rivalität mehr kennt! Horst Koegler Daß das Covent-Garden-Publikum am 17. Februar 1959 seiner Lucia einen triumphalen Empfang bereitete und die Londoner Presse am nächsten Tag die Geburt einer Primadonna von höchstem internationalem Rang ankündigte, mag bei den, gelinde gesagt, oft recht sonderbaren Maßstäben des englischen Opernpublikums zunächst nicht allzu viel besagen. Immerhin war man sich damals -- und nicht nur in England -- schon seit geraumer Zeit bewußt, daß da im Covent-Garden-Ensemble eine Stimme von außerordentlichem Format heranwuchs -- besonders seit ihren fabelhaften Erfolgen als Händel-Sängerin (in ,,Samson" und ,,Alcina"). Aufzuhorchen begann man allerdings, als sie sich als englische, genauer: als australische Sängerin, und zwar wiederum als Lucia, dem superkritischen italienischen Publikum stellte: in Palermo, in Venedig (dort auch als Alcina), in Genua -- sich so alimählich die Stufenleiter zur Mailänder Scala emporsingend, wo sie, abermals als Lucia, unzweifelhaft den größten künstlerischen Triumph der Saison feiern konnte. Und schon steht sie im Begriff, sich mit ihrer Stimme die Neue Welt zu erobern. Sie hat in Vancouver und dem neuerdings so opernaktiven Dallas gesungen und schließlich in drei New Yorker Konzertaufführungen die Titelrolle in Bellinis vorletzter Oper ,,Beatrice di Tenda". Der Mctropolitan-Kontrakt für die nächste Saison ließ nicht auf sich warten. Mit dreiunddreißig Jahren ist Joan Sutherland definitiv da: unzweifelhaft eine der großen Sängerinnen unserer Zeit, der die Diskografie: Beethoven: Sinfonie Nr.9 d-moll Donizetti: Lucia di Lammermoor (Ausschnitte,ital.) Mozart: Don Giovanni, ital. (Donna Anna) Opernabend mit J O an Sutherland (ital.) Decca ACL 77 Decca VD 754 Elec. C 91 059/62 Decca BLK 16165 (Stereo: SXL 2159-B) Die Kunst der Primadonna: Arien von Arne, Händel, Bellini, Rossini, Gounod, Verdi, Mozart, Thomas, Delibes, Meyerbeer Decca BLK 21018/19