LONDON 6 FONO FORUM 05/26 QUELLE: BRIT ISH LIBRARY, R .M.24 .D.2 NOTENBILD Domine quis habitabit William Byrds Vertonung des 15. Psalms W elch wunderbare Hand- tige Stelle. Dass er auch als Komponist Madrigalsammlung Cipriano de Rores, schrift, schöner als ge- tätig war, wissen wir aus seinen Musik- für gewöhnlich schrieb und druckte druckt! Der Sänger und sammlungen, in die er diverse eigene man seinerzeit alle Stimmen einzeln Komponist John Baldwin hat die Psalm- Stücke aufnahm. in Stimmbücher. Doch weil der Psalm vertonung zwischen 1586 und 1606 ab- In der Auswahl der Musik für seine hier in Partitur gesetzt ist, kann man geschrieben, in sein „Commonplace Sammlungen war Baldwin eher altmo- den wunderbaren Effekt gut sehen, mit Book“, eine „Schatzkammer der besten disch; so griff er nicht nur bis auf den dem Byrd gleich zu Beginn den Hörer Musik“ der „besten Autoren“, wie er am 1464 geborenen Robert Fayrfax zurück, reizt: einen Querstand zwischen den Ende der Sammlung von insgesamt 195 sondern schloss diese Sammlung auch drei „gis“, mit denen die vierte Stimme Werken schreibt. Zwanzig davon stam- anhebt, und dem „g“, zu dem die drit- men von William Byrd, den Baldwin zu te Stimme vom ersten auf den zweiten Recht für den größten unter den Kom- Mit einem Takt emporspringt. Eine harmonische ponisten seiner Zeit hielt. Konstellation, mit der Byrd in der ge- Kopisten und sonstige Schreiber von wunderbaren samten Komposition immer wieder Notenmaterialien finden ja sonst selten spielt und die er hier für einen wunder- unsere Aufmerksamkeit. Am ehesten harmonischen baren Beginn gewählt hat. noch als Ziel von Kritik wie Beethovens Effekt reizt Byrd Auffallend ist auch die fehlende Tex- Kopist Ferdinand Wolanek, den dieser tierung in der Handschrift: Oben wird als „Schreib-Sudler! Dummer Kerl!“ gleich zu Beginn vermerkt, dass das „domine quis habi- verewigte. Dabei waren Schreiber doch tabit“ von „w.birde“ stammt – den Rest jahrhundertelang unverzichtbar. Wie seine Hörer des Textes muss man sich dazudenken. John Baldwin, der eine der wichtigsten Für die Kollegen und Schüler, für die Quellen für die Musik der Tudor-Zeit Baldwin seine Sammlung vermutlich darstellt. Er war auch der Schreiber mit John Wylkinsons dreizehnstimmi- schrieb, war es offensichtlich, dass sie von „My Ladye Nevell’s Booke“, das gem Kanon „Jesus autem transiens“, es hier mit dem Beginn des 15. Psalms 1591 große Teile von Byrds Werken der 1502 bereits am Ende des Eton zu tun hatten, aber wie der weitere Text für Tasteninstrumente versammelte. Choirbooks notiert worden war. Doch dann unter der Musik anzubringen sei, Seine früheste Erwähnung fand Bald- die Schreibweise, die Baldwin hier ver- überließ der Schreiber ganz den Aus- win 1586 als Sänger an der Kapelle in wendete, ist umso moderner: Setzte er führenden. Wie auch in vielen anderen Windsor, der seinerzeit zweitwichtigs- doch Byrds neunstimmiges „Domine Werken des Manuskripts, das nicht nur ten musikalischen Institution in Eng- quis habitabit“, wie heute üblich, in Par- englische Komponisten der Zeit ver- land, nach der Chapel Royal, in die titur, mit allen Stimmen übereinander. sammelt, sondern auch europäische Baldwin 1594 aufstieg – zunächst un- Erst 1577 war erstmals Musik in dieser Größen wie Marenzio oder Ferrabosco. bezahlt, 1598 bekam er dann eine rich- Schreibweise gedruckt worden, eine Klemens Hippel FONO FORUM 05/26 7